Warum fällt meinem Kind Mathe so schwer? Was hinter einer Rechenschwäche (Dyskalkulie) steckt
- Jul 16
- 3 min read
„Mein Kind kommt doch sonst gut mit. Warum fällt ausgerechnet Mathe so schwer?"
Diese Frage beschäftigt viele Eltern, und auch Jugendliche, die selbst merken, dass sie trotz grosser Anstrengung immer wieder an Zahlen scheitern.
Vielleicht liest das Kind flüssig, erzählt spannende Geschichten oder interessiert sich für naturwissenschaftliche Themen. Und trotzdem endet fast jede Mathestunde mit Frust. Das kann verunsichern. Man beginnt schnell, an sich selbst zu zweifeln, und Kinder, Jugendliche und auch Eltern fragen sich irgendwann, woran es eigentlich liegt.
Die gute Nachricht ist: Eine Rechenschwäche, in der Fachsprache Dyskalkulie genannt, hat nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun. Vielmehr verarbeitet das Gehirn mathematische Informationen anders. Das ist neurologisch erklärbar, und genau deshalb gibt es Möglichkeiten, Kinder und Jugendliche gezielt zu unterstützen.
Rechnen ist viel komplexer, als es aussieht
Schauen wir uns eine einfache Aufgabe an: Anna hat drei Äpfel. Sie bekommt zwei Äpfel dazu. Wie viele Äpfel hat sie jetzt?
Die meisten von uns finden die Antwort sofort. Doch was muss das Gehirn dafür eigentlich alles leisten? Es muss den Text verstehen, sich die Situation vorstellen und erkennen, dass die Wörter "bekommt dazu" bedeuten, dass etwas addiert wird. Gleichzeitig muss es wissen, dass die Ziffern 3 und 2 nicht nur Symbole sind, sondern für konkrete Mengen stehen. Anschliessend muss die passende Rechenstrategie ausgewählt und die Aufmerksamkeit bis zum Ende der Aufgabe aufrechterhalten werden.
Was wie eine einfache Rechenaufgabe aussieht, ist in Wirklichkeit ein Zusammenspiel vieler verschiedener Fähigkeiten, und all das passiert innerhalb weniger Sekunden.
Warum Menschen mit Dyskalkulie anders rechnen
Bei vielen Menschen laufen diese Schritte fast automatisch ab. Die verschiedenen Bereiche des Gehirns arbeiten gut zusammen und mathematische Zusammenhänge entwickeln sich nach und nach.
Bei Menschen mit einer Rechenschwäche ist das anders. Vor allem die Verarbeitung von Zahlen und Mengen funktioniert weniger effizient. Das bedeutet nicht, dass das Gehirn schlechter arbeitet, sondern anders. Andere Bereiche müssen diese Schwierigkeiten ausgleichen, das kostet viel Energie und Konzentration.
Deshalb erleben viele Menschen mit Dyskalkulie Mathematik als besonders anstrengend. Kinder und Jugendliche müssen deutlich mehr leisten als ihre Mitschülerinnen und Mitschüler, um zum gleichen Ergebnis zu kommen. Kein Wunder also, dass sie nach einer Mathestunde oft erschöpft sind oder beginnen, an ihren eigenen Fähigkeiten zu zweifeln.
Ein wichtiger Baustein: das Mengenverständnis
Eine der ersten Grundlagen des Rechnens ist das sogenannte Mengenverständnis. Kinder lernen dabei, dass hinter einer Zahl auch tatsächlich eine Menge steckt. Die Zahl 5 steht nicht einfach für ein Symbol auf dem Papier, sondern für fünf Äpfel, fünf Steine oder fünf Bauklötze.
Für viele Kinder entwickelt sich dieses Verständnis ganz selbstverständlich. Für Kinder mit Dyskalkulie hingegen ist genau diese Verbindung häufig eine grosse Herausforderung. Wenn diese Grundlage fehlt, wird alles, was später darauf aufbaut, vom Plusrechnen bis zum Einmaleins, deutlich schwieriger. Daher kommt es, dass man auch mit Schülern und Schülerinnen in der Oberstufe oft nochmal zurück zum Anfang gehen muss, um mit ihnen ein Verständnis für Mathematik aufzubauen.
Die gute Nachricht ist: Ein Mengenverständnis kann gezielt aufgebaut und trainiert werden. Dafür braucht es jedoch Zeit, passende Übungen und einen strukturierten Aufbau.
Warum mehr Üben allein oft nicht hilft
Viele Eltern hören den gut gemeinten Rat: "Dann muss das Kind eben einfach mehr üben." Doch wenn wichtige Grundlagen fehlen, führt zusätzliches Üben oft nicht zum gewünschten Erfolg. Das ist ein bisschen so, als würde man versuchen, ein Haus weiterzubauen, obwohl das Fundament noch nicht stabil ist. Da kann es dann leicht den gegenteiligen Effekt haben und das ganze Haus einstürzen.
Statt immer schwierigere Aufgaben zu rechnen, lohnt es sich zunächst herauszufinden, an welcher Stelle das mathematische Verständnis ins Stocken geraten ist. Erst wenn diese Basis sicher aufgebaut ist, können weitere Inhalte nachhaltig gelernt werden.
Das macht Hoffnung
Kinder und auch Jugendliche mit einer Rechenschwäche können rechnen lernen. Sie brauchen dafür häufig einen anderen Weg: mehr Zeit, kleinere Lernschritte, viele Wiederholungen und Erklärungen, die zu ihrer Art des Lernens passen.
Vor allem aber brauchen sie das Gefühl, dass sie nicht "schlecht in Mathe" sind, sondern dass ihr Gehirn Informationen einfach anders verarbeitet. Dieses Verständnis nimmt vielen Menschen bereits einen grossen Teil des Drucks.
Wie Lerntherapie unterstützen kann
Genau hier setzt Lerntherapie an. Es geht nicht darum, möglichst viele Rechenaufgaben zu lösen. Gemeinsam schauen wir vielmehr, welche Grundlage noch fehlt und was das Kind braucht, um mathematische Zusammenhänge wirklich zu verstehen. Je nach Situation arbeiten wir am Aufbau des Mengenverständnisses, entwickeln passende Lernstrategien oder stärken das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Denn viele Kinder bringen nicht nur Rechenschwierigkeiten mit, sondern auch Selbstzweifel, die durch die negativen Erfahrungen entstanden sind.
Mein Ziel ist es, dass Kinder und Jugendliche Mathematik Schritt für Schritt wieder verstehen und dabei erleben, dass Lernen möglich ist, wenn sie auf eine Weise unterstützt werden, die zu ihnen passt.




Comments